Herdersmat part 23​-​29

Ich möchte mit einer kleinen Zeitreise beginnen. Wir spulen gut vier Jahre zurück, zum 29.12.2015. Die Musikwelt wird von einer traurigen Nachricht erschüttert. Lemmy Kilmister, der Frontman der Band Motörhead, ist im Alter von 70 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Die durch die Medien verbreitete Tragik änderte jedoch nichts daran, dass eine andere Bekanntmachung an diesem Tage mehr mein Interesse auf sich zog. Tanith teilte auf seinem Blog mit, dass die von ihm absolvierte Boiler Room-Performance nun endlich auf YouTube abrufbar sei. Darauf hatte ich gewartet. Drei Wochen zuvor lief diese live aus Berlin im Netz und ich hatte sie leider verpasst. Jetzt konnte ich das Anschauen nachholen. Beim Durchsehen des Videos, kann man auf der rechten Bildschirmseite gegen Ende jemanden dabei beobachten, wie er sich ganz entspannt für die anschließende Performance bereit macht. Es ist ein kleinerer Herr mit Glatze der auf Tanith folgt. Sein Name: Bas Mooy.

Für mich war Mooy zu diesem Zeitpunkt noch ein völlig Unbekannter. Das lag aber nicht daran, dass er irgendein Nobody sei, sondern vielmehr deswegen, weil ich keine Ahnung hatte. Tatsächlich war und ist er eine wichtige Institution im europäischen Techno-Zirkus – mit besonderem Schwerpunkt Rotterdam, seiner Homebase. Wie ich dann im Nachgang an den Boiler Room herausfand, ist der ’76 geborene Niederländer seit 1999 ein engagierter Repräsentant des Techno und bevorzugt diesen, mit einem starken Industrial-Flavour. Ich bemerkte zudem, dass es bereits einige Vinyl-Scheiben seines von ihm 2013 gegründeten Labels, MORD, in meinen Plattenschrank geschafft hatten. Über dieses Label stolpere ich tatsächlich immer wieder. Das kommt schlicht daher, weil mir die Releases so zusagen. Ganz aktuell ist es eine üppige 7-fach Vinyl Box. Sie entstammt der Reihe Herdersmat. In diesem Fall Part 23-29.

Ich bin nicht der Typ, der hier für jede von Ihm gekaufte Platte einen eigens dafür gewidmeten Beitrag schreibt. Das tue ich nur für Veröffentlichungen, die mir wichtig sind. Bei der hier vorliegenden Box ist das definitiv der Fall. Denn die Auswahl der Künstler ist schon ein ganz besonderer Leckerbissen. Nicht nur, dass hier der Labelboss himself mit einem Track vertreten ist, es sind auch Leute wie The Advent, Lewis Fautzi, Kangding Ray, Christian Wünsch, Alexander Kowalski, Jonas Kopp oder SHXCXCHCXSH. Letztere sprechen sich übrigens „TschTsch“ aus. Diese Aufzählung allein hätte bereits für mich genügt zuzuschlagen. Als ich den Namen Hiroaki Iizuka zusätzlich las, konnte ich gar nicht mehr widerstehen. In Summe sind es sage und schreibe 33 Künstler und Tracks. Diese Titel sind vorher alle unveröffentlicht gewesen. Man erhält hier nicht einfach eine schnöde „Best-of“ Labelcompilation, sondern unbekannten, frischen Stuff.

hiroaki iizuka

IIzuka z.Bsp. kenne ich noch aus meiner Zeit als „Tokio“ und mochte seine Haze EP immer sehr. Sie ist eine meiner meistgehörten Techno-Scheiben überhaupt. Japaner halt. Generell gefällt mir die Mischung der Herdersmat, bestehend aus den „alten Hasen“ und den neueren Techno Artists, richtig gut. Das sehe ich auch wieder als ein Zeichen, dass sich dieses Musikgenre in die richtige Richtung bewegt. Zumindest für meinen Geschmack. Die Selektion der Tracks ist ausnahmslos empfehlenswert. Das Spektrum reicht von klassisch angemalten Nummern (The Advent – Radar 06) bis hin zu schroffem, Cyborgs imitierendem Industrial-Techno (VSK – I Fantasmi A Volte Sanguinaro). Sowohl von intelligent arrangiertem Pattern-Style (Hiroaki Iizuka – Emphasis) bis zur wuchtigen Abrissbirne (Christian Wünsch – Extinction). Techno-Connaisseure kommen hier auf ihre Kosten.

Womit wir beim nächsten Punkt angekommen wären. So eine umfangreiche Vinyl Box, in dieser Subkultur, birgt sicherlich auch ein gewisses Risiko. Denn die dafür veranschlagten 70€ sind viel Geld. Quasi pro Vinyl einen Zehner. Das ist ein üblicher Marktpreis und geht für das Gebotene absolut in Ordnung. Dennoch sind sicherlich viele Leute nicht bereit das mal eben hinzulegen. Wir reden hier ja nicht von einer spezial „Beatles-Fan-Kollektion“. Da aber die Hörer und Kenner dieser Form der Elektronischen Musik zum Teil gut mitgealtert sind, inklusive mir, werden sich mit Sicherheit genug kaufbereite und solvente Käufer dafür finden. Der Techno ist ja heutzutage nicht nur was für Adoleszenten mit knappen Budget. Ich kann mir auch schlecht vorstellen, dass die Gesamtauflage dieser großen Vinyl Box die 1000ter Marke übersteigt. Da wird im Vorfeld der Produktion schon ganz genau kalkuliert.

Diese Herdersmat Part 23-29 erschien bereits im November des letzten Jahres. Wer sich also so ein Schmankerl noch in die Sammlung stellen möchte, sollte nicht allzu lang überlegen. Es sind vermutlich nicht mehr viele verfügbar. Wenn beim Label vergriffen, bleibt einzig der Weg über Discogs und dort wird es erst richtig teuer. Man kennt das ja.

Warum Bas Mooy diese Vinyl-Reihe nach dem Schäferzug im Schach benannt hat, konnte ich leider noch nicht in Erfahrung bringen. Wenn jemand den Hintergrund dazu weiß, einfach mal einen Kommentar da lassen.

attix Verfasst von:

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