Got Minidisc?

„Nein, ich will nicht. Brauche ich nicht! Es gibt doch CDs!? Diese Technik hatte ich früher nun mal auch nicht. Nein, nein, nein…
Ach, irgendwie sind Minidiscs schon interessant. Man kann ja mal einen Player und gucken. Der Recorder hier sieht aber auch sehr nice aus. Nehm‘ ich und da, Hi-MDs. Geil, brauche ich auch. Ich kaufe mal noch lieber 30 leere MDs zur Sicherheit. Das all time-favorit Album gibt’s ja auch auf MD, hmm…“

Knapp zusammengefasst, waren das meine Überlegungen zu einem Einstieg in die Thematik Minidisc. So richtig überzeugen konnte ich mich lange nicht, damit anzufangen. Ohne jetzt groß in das Thema eingearbeitet zu sein, waren meiner Auffassung nach, CDs doch immer superior gegenüber Minidiscs. Also wozu sich mit einem redundanten, ähnlichen und doch schlechteren, digitalen Medium befassen? Die Antwort ist so simple wie unangenehm. Es war schlussendlich einfach meine vernunftwidrige Neugier.

Es gibt schon ein paar sehr interessante Alleinstellungsmerkmale der MD. Diese sollten, nach Sonys Wunsch, das Format ganz groß machen. Ob das geklappt hat, schaue ich mir mal genauer an.

Von Sony entwickelt und 1992 auf den Markt gebracht, sollte die Minidisc den nächsten großen Evolutionsschritt markieren. Den Abgesang, der mit Band gefüllten digitalen Konkurrenz DCC einleiten, bevor sich diese etablieren konnte. Die wenige Jahre zuvor entwickelte DAT, die ebenfalls von Sony stammt, konnte sich im Heimbereich nie durchsetzen und wird eher als ein Misserfolg angesehen. Zudem wollte man auch dem aufziehenden Stern CD die Stirn bieten. Man bewarb die einfache Handhabung à la Kompaktkassette, mit den digitalen Vorzügen einer CD. Tapes waren Anfang der 90er Jahre, nach wie vor, das meistgenutzte Medium im Heimbereich und vorbespielte Kauf-CDs fanden immer mehr den Weg in die Haushalte.

Um diese Versprechen zu verwirklich, haben die Techniker und Ingenieure bei Sony tief in die Trickkiste gegriffen. Das gelungene Zauberstück stellt das magneto-optische Speichermedium selbst dar. Eine kleine, in einem schützenden Gehäuse gelagerte Silberscheibe. Viel kleiner als eine normale Compact Disc, ähnelt sie zudem äußerlich stark einer alten Floppy Disk. Ähnlich wie bei CDs, werden mittels Laseroptik die Audiodaten davon ausgelesen. Beschreibbare Minidiscs besitzen 2 Schichten. Eine durchlässige Reflexionsschicht und eine magnetisierbare Schicht dahinter. Die letztere sorgt dafür, dass sich eine MD bis zu 1.000.000x beschreiben lässt. Beim Recordingvorgang wird die Magnetschicht punktuell erhitzt (ca. 185°) und somit beschreibbar. Ohne diese Erhitzung ist die MD unempfindlich gegenüber äußeren Magnetfeldern, was ihr eine lange Lagerfähigkeit gestattet. Die einfache und ziemlich überall auszuführende Möglichkeit zur Aufnahme waren der große Unterschied zur CD. Jenes, kannten die meisten so in der Form nur von Kassetten Anfang der 1990er Jahre.

Aber es gab noch mehr Unterschiede. So lassen sich die einzelnen Titel auf einer MD problemlos in der Reihenfolge verschieben. Dies geschieht mittels eines weiteren Tricks. Tatsächlich wurden die Titel in ihrer Position gar nicht verändert. Der UTOC (User Table Of Contents) der MD wird schlicht editiert. Das konnten erst die später aufkommenden MP3-Player. Apropos MP3. Es gab einen wesentlichen Nachteil gegenüber CDs – die Speichergröße. Eine gewöhnliche 80er Minidisc fasst durch ihre geringen Maße nur ca. 170 MB. Eine CD mehr als das Vierfache. (die 1 GB Hi-MD mal aussenvor gelassen, die kam erst viel später) Um nun ungefähr die gleiche Spiellänge zu erreichen wurde wieder einmal – genau – getrickst. Sony verwendete ein eigens entwickeltes Audiodatenkompressionsverfahren – ATRAC. Ein psychoakustisches Verfahren, das in etwa das gleiche mit Frequenzen im Signal macht, wie MP3 oder AAC. Auch bei der Variante von Sony, wird die Klangqualität in „kbps“ angegeben. (292 kbps sind es bei Standard-ATRAC)

Die Aufnahme kann anhand analoger Kabel über Line-In, optisch durch Lichtleiterkabel, oder per USB-Verbindung mit einem PC erfolgen. Während das Recording mittels Lin-In oder optischem Eingang, in Echtzeit erfolgt, erledigt sich das wesentlich schneller via USB. Diese Option stand allerdings erst ab der Gerätegeneration mit NetMD-Kennzeichnung zur Verfügung. Ist ein MD-Recorder NetMD oder Hi-MD fähig, können über eine Software die Musiktitel übertragen werden. Ich nutze dazu SonicStage von Sony. Was man dafür alles braucht und wie es genau funktioniert, wird in DIESEM VIDEO hervorragend beschrieben. Hat das gesamte Installationsprozedere geklappt, lassen sich die Titel bequem transferieren. Dabei werden die Musikstücke erst in das ATRAC-Format konvertiert und anschließend auf die Minidisc übertragen. Das sieht dann so aus:

Durch eine Umformatierung in den Hi-MD-Modus lässt sich die Speichergröße der Minidisc auf ca. 290 MB mehr als verdoppeln. Es gibt allerdings auch Limitierungen beim Bespielen von Minidiscs. Der Kopierprozess ist eine Einbahnstraße. Man bekommt zwar Daten vom PC auf MDs, aber nicht umgekehrt. Das verursacht ein Kopierschutz (SCMS), der auf die Minidisc mit übertragen wird. Diese Kopierschutzmaßnahme findet hauptsächlich im Consumer-Bereich statt und weniger bei Geräten im professionellen Umfeld.
Die Qualität bei dieser Art des Transfers ist zudem auf maximal 132 kbps (LP2) begrenzt. Auch das nachträgliche Editieren ist nicht mit allen Geräten möglich.

An den technischen Details lässt sich gut erkennen, dass die MD definitiv der richtige Gedanke zur richtigen Zeit war. Aber lassen wir nun mal den ganzen technischen Schnack beiseite und schauen uns an, wie sich die Minidisc so im Laufe der Zeit gemacht hat.

Das erste Mal flüchtige Bekanntschaft mit MDs machte ich so Mitte der 1990er. Der Minidisc-Player meines Bekannten, wirkte auf mich, wie aus der Zukunft. Da konnte mein analoger Kassetten-Walkman einfach nicht mithalten. Die digitale Anzeige, das kompakte und schicke Design, sowie die ganzen Spielereien die mit Minidiscs möglich waren, hatten tiefen Eindruck hinterlassen. Die Ernüchterung traf mich hart, als ich mir so ein Teil kaufen wollte. Die aufgerufenen Preise waren schlicht utopisch. Der erste mobile Recorder, der MZ-1 von Sony, war für satte 1.200DM veranschlagt. Mit dem Aufkommen von Konkurrenzherstellern wie AIWA, JVC, Sharp oder Panasonic, fielen die Gerätepreise zwar, blieben jedoch immer auf einem unangenehm hohen Niveau. Das lag auch daran, dass Sony immer fett Lizenzgelder verlangte. Ein Walkman für die guten, alten Tapes kostete einen Bruchteil. Nicht nur ich hatte ein Problem mit dem hohen Kurs, es erging ebenfalls vielen in den USA und EU so. Dies wiederum führte zu niedrigen Absatzzahlen. Allein in Japan wechselten viele MD-Geräte den Besitzer. Sie wurden ein regelrechtes Massenprodukt. Als Resultat davon, kann man für kleines Geld auch heute noch, MD-Player säckeweise aus Japan beziehen.

Am zurückhaltenden Absatz änderte auch nicht viel, dass die Geräte immer kleiner und stylischer wurden, Sony die ATRAC-Codecs verfeinerte, die Player Anti-Wackel-Schutz bekamen, immer mehr Alben auf MD erschienen, oder zusätzliche Gadgets, wie die Kabelfernbedienung auf dem Markt waren. Die Dinger lagen wie Blei in den Regalen. Meine Enttäuschung über die hohen Verkaufspreise zogen ein vollkommenes Desinteresse mit sich, weshalb ich auch gar nicht mehr mitbekam, was sich beim Thema Minidisc noch so in den darauffolgenden Jahren ergab. Zusätzlich konnte dann auch irgendwann jeder zu Hause CDs selber zusammenstellen und brennen. Den Todesstoß verabreichte schlussendlich der Siegeszug des iPod. Der Komfort, der nun mit MP3-Player möglich war, machte die Minidisc vollends obsolet. 2011 war dann Schluss. Sony wollte und konnte nicht mehr. Schade eigentlich.

Denn mit ihr verschwand auch eine solide Technik und reiche Designvielfalt. Jeder Player/Recorder sah anders aus. Sicherlich ähnelten sich die Geräte innerhalb eines Herstellers. Trotzdem besaßen die unterschiedlichen Marken immer eine eigene Designsprache. Damals war das noch üblich. Ich sehe mit bedauern, wo wir heutzutage angekommen sind. Allein das Beispiel Smartphone (worüber heute nun mal die meisten Leute unterwegs Musik hören) zeigt eindrücklich, dass eine Designvielfalt mitunter komplett fehlen kann. Die Dinger sehen doch alle gleich aus und wenn die Hauptschlagzeile einer neuen Smartphone-Iteration nur noch die Größe der Notch auf der Vorderseite anpreist, ist das schlicht eine Bankrotterklärung. Gruselig! Back in the 90s hat man sich optisch viel mehr zugetraut und das vermisse ich aktuell sehr. Aber das Gros der Konsumenten scheint es offensichtlich nicht zu stören. Um es mit den Worten John Lydons von Public Image ltd. zu sagen: „This is what you want, this is what you get!“

Ich für meinen Teil finde die Minidisc und die dazugehörigen Abspielgeräte faszinierend und charmant. Jedoch interessieren mich persönlich ausschließlich die mobilen Geräte. Vertreter fürs Hifi-Rack oder Auto eher kaum. Die stylischen, kleinen MD-Player meiner Kollektion passen in jede noch so kleine Tasche und sind super zuverlässig, trotz des Alters von zum Teil über 20 Jahre. Sieben Recorder habe ich im letzten Jahr erworben und nicht einer macht Probleme. Auch das spricht für die Technik.

So ganz verschwunden ist die MD jedoch nicht. Es werden glücklicherweise immer noch neue Alben auf Minidisc herausgebracht. Diese sind zum Teil künstlerisch sehr ansprechend aufgemacht.
Wer auch mal in die Thematik reinschnuppern möchte, kann aktuell durchaus noch Schnäppchen in den Kleinanzeigen machen. Ich habe zum Beispiel einen Sony MZ-R30 für ’nen Fuffi erstanden und das Teil sieht aus und funktioniert wie neu. Teuer wird es dann erst bei Hi-MD-Geräten. Den Vogel schießen jedoch alte Depeche Mode MDs ab. Da landet man gern mal bei 400€! Freundschaftspreise zum 30 jährigen MD-Jubiläum.

Es gibt übrigens noch viel mehr interessante Infos zur MD. Ich habe hier nur kurz abgehandelt. Wer mehr wissen möchte, findet unten in der Quellenangabe noch weiterführendes Wissen.

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/MiniDisc
https://de.wikipedia.org/wiki/Hi-MD
www.youtube.com/watch?v=kU3BceoMuaA&t
https://www.datistics.de/its-a-kind-of-magic-sony-mz-1-minidisc-recorder/
https://www.youtube.com/watch?v=CCK89V4NpJY
…und meine Erinnernungen…

attix Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Tobs
    6. Februar 2022
    Antworten

    Ich bin ein neuer MD-Fan! Nicht nur wegen der gezeigten The Verve MD, sondern vor allem Dank deines Artikels. Eine Bereicherung.

    • attix
      7. Februar 2022
      Antworten

      Vielen Dank für das tolle Feedback!

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