Klangerfahrung am Limit

Da ist es wieder. Im Radio läuft wieder dieses eine Lied. Das, was dich so abnervt. Die Coverversion von einem deiner liebsten Klassiker – leider komplett vergeigt. Viel zu ruhig. Der Sänger hat zudem nicht ansatzweise die Stimme des Originals! Schon bei den ersten Takten fühlst du dich angeekelt und willst sofort abschalten. Manchmal, unterwegs, kannst du das nicht und es wirkt auf dich wie Folter…

Ich kenne das. Mit den Jahren habe ich allerdings gelernt, diese Situationen vollkommen auszublenden. Wenn ich etwas nicht hören will, höre ich es nicht. Mein Toleranzlevel ist zudem gestiegen. Während ich mich vor 20 Jahren noch tierisch über eingangs beschriebene Songs aufgeregt habe, gönne ich mittlerweile jedem seinen Erfolg. Das kam im Wesentlichen auch durch meinen Musikgeschmack. Dieser wurde selten von meinem Umfeld mit Akzeptanz oder Toleranz begleitet und oft despektierlich bewertet. Ich sehe keinen Grund in einem elitären Gehabe bezüglich des Musikgeschmacks. Mit welchem Recht darf z.Bsp. ein AC/DC-Fan über Helene Fischer herziehen? Persönlich empfinde ich weder AC/DC noch die Musik von Frau Fischer als spannend. Meine Begeisterung für Musik entsteht da eher beim Entdecken von neuen Tönen und Formen. Kreativer Output Musikschaffender, der mich überraschen kann. Das macht mich jedoch nicht automatisch zu einem schlechteren oder besseren Menschen.

Doch wie weit bin ich bereit für die Befriedigung meiner Neugierde zu gehen? Ab wann ist ein Punkt beim Anhören erreicht, an dem ich sage, das war jetzt aber zu krass? Wie wäre es z.Bsp. mit dem Gehämmere von Trash Metal? Oder sind es vielleicht die perkussiven Kaskaden von EBM gewesen? Was ist mit den experimentellen Exkursen von Mate Galić damals auf Evosonic Radio? Nope. Mir ist bis jetzt erst ein Werk in die Ohren gekommen, bei dem ich danach gesagt habe: „Alter Schwede, sehr heftig!“.

Alter Holländer wäre eher angebracht. Denn besagtes Werk stammt zum Teil von Edwin van der Heide als Mitglied der Formation „Senssurround Orchestra“. Dieses Orchester hat eine ganze Serie unter dem Namen „Mort Aux Vaches“ veröffentlicht. Das bedeutet auf Deutsch soviel wie „Tod den Kühen“. Wobei hier „Kühe“ für „Polizisten“ steht. Was genau zu dieser anarchischen Bezeichnung geführt hat konnte ich allerdings nicht herausfinden.
Laut Katalognummer auf Discogs sind es insgesamt 68 Releases. Ich möchte daraus „Meltdown Of Control“ hervorheben. Darüber gestolpert bin ich beim Stöbern auf „Bleep“. Das ist der Online Shop des Labels „Warp“, aus dem UK. 

Die im Jahre 2000 veröffentlichte CD enthält nur einen einzigen Track. Dieser ist etwas mehr als 54 Minuten lang und enthält drei Darbietungen von unterschiedlichen Künstlern. Der erste Part stammt von Michinao Onishi und lief am 05.12.1997 in Tokio. Der zweite entsprang Rolf Biemelt. Er präsentierte diesen am 01.07.1998 in Berlin. Den dritten und letzten Teil steuerte der bereits erwähnte Edwin van der Heide einen Tag später, am 02.07.1998, aus London dazu. Diese drei Klanglandschaften wurden von van der Heide und Zbigniew Karkowski neu editiert, strukturiert und zu einem Track verklebt. 

Das daraus entstandene Resultat ist richtig schwere Kost und das sage ich selten. Experimente im elektronischen Sound-Design mit einem ganz dicken und stetig anschwellenden Noise-Teppich. Es gibt keinen Bezugspunkt – nichts Greifbares. Eine kataklysmische Krachorgie ohne Gnade. Ich habe es mal mit folgender Analogie beschrieben: „Es klingt, als ob man in einer Flugzeugturbine einen Transatlantikflug macht und dabei von Dämonen heimgesucht wird.“  Sowas streift einen nicht einfach mal so nebenbei, dazu muss man schon bereit sein. Ich habe es bis jetzt auch nur einmal komplett durchgehört. Am Stück, über Kopfhörer, mit laut! Auch wenn ich zwischendurch immer mal lachen musste über diesen Wahnsinn, der in mein Ohr drang, musste ich mich danach erstmal etwas sortieren. Meine Vermutung ist ja die, dass hier ganz bewusst von Edwin van der Heide ausgelotet wurde, in wie weit der geneigte Zuhörer belastbar ist. Wann möchte der Rezipient den Notaus, der vorne auf dem CD-Cover abgebildet ist, drücken, weil er es nicht mehr länger aushält. Ich habe es bis zum Ende ausgehalten. Allerdings war hier meine Grenze erreicht. Mein eigenes Limit des Ertragbaren mit der Erkenntnis, endlich da angekommen zu sein, von wo aus es vorerst nicht weiter geht. 

Herr van der Heide als Mitwirkender dieses akustischen Horrortrips experimentiert eh gern. Seine klanglichen Forschungsreisen sind mehrfach ausgezeichnet wurden. Er kombiniert diese oft eindrucksvoll mit einer optischen Komponente in kunstvollen Installationen rund um den Globus. Nicht immer in dieser martialischen Art der Präsentation. Einen Besuch seiner Homepage kann ich also wärmstens empfehlen. HIER

Auch wenn „Meltdown Of Control“ jetzt nicht meine Allday-CD wird, so fasziniert mich diese Komposition schon sehr. Ich finde es obendrein immer lobenswert, wenn Künstler sich einfach mal was trauen. Die CDs sind übrigens stets auf 1000 Stück limitiert. Ich habe lustigerweise die Nummer 777 ergattert.

Wer auch mal neugierig sein möchte darf sich das gern zu Gemüte führen. Allerdings wenn schon, dann bitte auch mit reichlich Lautstärke. Sonst fetzt es doch nicht! 😉 

attix Verfasst von:

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