Extrawelt

Wir schreiben das Jahr 2006. Genauer den 12. August des Jahres und der Sommer scheint sich bereits irgendwie verabschiedet zu haben. Es ist für diesen Monat ungewöhnlich kalt. Ich bin daheim, habe einen Web-Radio Stream am Laufen und denke mir so, „Wie gerne würde ich jetzt nochmal auf einer der Balearen Inseln Sonne tanken und abfeiern!“. Warum? Es ist an diesem Samstag spätabends, (es war ehrlich gesagt schon früh morgens) und die BBC überträgt ihre wöchentliche Sendung „Radio 1′ s Essential Mix“. Diesmal einen Live-Mitschnitt von der Partyinsel Ibiza, aus dem Cocoon/Amnesia. Diese Aufzeichnung stammt vom Dienstag 4 Tage zuvor. Der Cocoon-Chef Sven Väth persönlich ist mit seinem Mix an der Reihe und haut einen Hammer nach dem anderen raus. Der Mann versteht einfach sein Handwerk – Mitwippfaktor inkludiert. Die erste Nummer, die durch den Äther geschickt wird, ist „Suffer Well“ im Narcotic Thrust Vocal Dub von Depeche Mode. Mittlerweile ein Klassiker. Die Nummer geht fließend in den nächsten Track über und meine Kinnlade fällt innerhalb kürzester Zeit nach unten. Es knarzt, spult, klackert, schleift, es scheppert und morpht schließlich melodiös in ein Schweben. Was für eine Nummer! Auch die nächsten Titel wissen zu gefallen. Die Stunde vom Techno Urgestein Väth geht natürlich viel zu schnell vorbei. Aber ich habe den Mix ja nun safe auf Festplatte. Selbstverständlich wird dieser in den darauffolgenden Tagen mit den Freunden geteilt und wir sind uns einig, der noch namenlose zweite Track ist ein ganz dickes Ding. Recherche ist angesagt. Ich will wissen wie die Nummer heißt und von wem sie stammt. Die Nachforschung ergibt: „Titelheld“ von Extrawelt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas von denen gehört. Nun sind ziemlich genau 13 Jahre vergangen und Extrawelt ist in meinem Plattenregal der am häufigsten vertretene Artist. Stolze 18 Veröffentlichungen auf Vinyl sind es – natürlich machte „Titelheld“ den Anfang dieser Kollektion. Neu hinzu kam ganz frisch die Speicher 110.

Extrawelt, das sind Arne Schaffhausen und Wayan Raabe. Gegründet wurde das Projekt 2005, von dem damals in Hamburg beheimateten Künstlerduo. Irgendwie war James Holden dabei mit involviert und die erste Nummer unter diesem Pseudonym, „Soopertrack“, war sofort erfolgreich. Zuvor gab es offiziell sieben weitere Projekte mit mindestens einem der beiden Jungs. Spirallianz oder Midimiliz könnte der ein oder andere schon mal gehört haben. Ich habe letztes Jahr einem Live-Chat mit den Künstlern auf Facebook beigewohnt. Dabei wurde ihnen die Frage nach dem Namensursprung von „Extrawelt“ gestellt. Wayan begründete es kurz so: „Wir haben einen Namen gesucht, der sich besser aussprechen lässt. Mit Spirallianz oder Midimiliz gab es bei der Aussprache öfter Probleme im Ausland“. Auch wenn Schaffhausen und Raabe beide Erfahrung als DJs vorweisen können, so bleibt ihr Auftritt auf Veranstaltungen immer der des Live-Acts. Raabe fungiert als eine Art Regisseur an einem stattlichen Mischpult. Er entscheidet was, wann und wie. Schaffhausen, als kongenialer Partner, ist der Herr über die Sounds. Er manipuliert, kreiert und verfremdet die Klänge nach Lust und Laune, ohne dabei den Fokus auf den Charakter des Tracks zu verlieren. Auch wenn sicherlich vieles ihres Live-Auftritts pre-recorded wurde, so gleicht doch keine Performance exakt einer zweiten. Mit an Bord des Stage Riders und ein wesentlicher Bestandteil des Extrawelt-Sounds ist der Roland SH-101 Synthesizer, der diese knurrigen und wabernden Basslines erzeugt.

Womit wir zur musikalischen Beschreibung von Extrawelt übergehen wollen. Ich würde ihren Sound so definieren: „Maschinenklänge gepaart mit Seele.“ Auch wenn die beiden, stark rauchenden Künstler, in ihren Tracks viel und einfallsreich mit Klängen experimentieren – gerade kurze, perkussive Elemente sind exzellent arrangiert – so verpassen sie ihren Nummern meist noch ein melodiöses Moment. Es klingt dann so, wie ein Roboter wohl mit Herz klingen würde. Dabei gehen ihre Tracks nicht unauffällig in der Menge unter, man erkennt einen Extrawelt-Track einfach. Als gutes Beispiel dafür der Titel „Im Garten von Eben“

Auch hier erkennt man deutlich den Roland SH-101. Neben der für Techno typischen „4-to-the-Floor“ Bassdrum nutzen Schaffhausen und Raabe auch gern breakige Rhythmen. Als Vertreter dessen habe ich „We Are The Asteroid!“ gewählt. Mit diesem Titel zielen die Musiker auf unser Gewissen als Erdbewohner. Mehr denn je sind wir dabei unseren Planeten auf lange Sicht großflächig unbewohnbar zu machen. Schaffhausen meinte im oben erwähnten Facebook-Chat: „Wir sind der Asteroid, der die Erde zerstören wird, wenn wir so weiter machen. Wir brauchen gar nicht darauf hoffen, es einem Objekt aus dem All in die Schuhe schieben zu können!“

Egal wie oft ich die Musik von Extrawelt höre, irgendwas neues entdeckt man immer wieder und die Sogwirkung geht nie flöten. Meine persönlichen Lieblingsstücke sind neben „Titelheld“ noch „Fernweh“, „Dark Side Of My Room“ und „8000“, um hier nur ein paar zu nennen. Denn ganz ehrlich gefällt mir so ziemlich alles von ihnen – ohne Übertreibung! 

Was die sympathischen Hamburger gleichfalls sehr gut beherrschen, ist es Remixe für andere Künstler herzustellen. Sie besitzen ein großes Talent, den Charakter eines Titels mit ihrem eigenen Narrativ zu versehen. Ein wunderbares Beispiel dafür ist ihre Interpretation von „Juno Reactor – Final Frontier“. Für diese Nummer hatte ich sogar mal ein Video in Adobe After Effects gebastelt.

Die Extrawelt Remixe von „Landside – Wasteland“, „H-Man – 51 Poland Street“ oder „Margot Meets The Melody Maker – Torch“ sollen ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.

Auf dem YouTube-Kanal von ARTE findet sich eine Aufzeichnung des Extrawelt Live-Acts bei der Time Warp 2017. Das Anschauen bzw. Anhören lohnt sich auf jeden Fall. Wenn selbst die Kameraleute mittanzen spricht das für sich. Besser ist es natürlich die beiden Jungs live in Aktion zu erfahren. Ich hatte dabei nie Glück. Wenn Extrawelt hier mal in der Nähe waren, konnte ich leider immer nicht hin. Vielleicht klappt es ja noch irgendwann. Ich gebe die Hoffnung nicht auf…

attix Verfasst von:

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