Andrey Pushkarev

Es ist bereits dunkel in Moskau. Russlands Hauptstadt. Eine Stadt, die nicht sonderlich schön ist, dafür aber ihren besonderen postsozialistisch-/kommunistischen Charm besitzt. Wir verorten uns dort in einen der vielen riesigen Wohnkomplexe. Ein unscheinbarer junger Mann betritt in einem der unzähligen Aufgänge einen Fahrstuhl. Als der Lift die angewählte Etage erreicht ruckt das ganze Gefährt spürbar und öffnet die Lifttüre. Der Mann tritt in den Gang und fußt ohne Hast aber dennoch zielgerichtet zu seinem Appartement. Er zieht dabei lässig einen mittelgroßen Rollkoffer hinter sich her. Im Appartement angekommen lässt er sich platt auf das Bett fallen und holt dringend benötigten Schlaf nach. Es ist Andrey Pushkarev der sich hier erholt. Er kommt gerade von einem DJ-Gig aus der Schweiz zurück.

Nach einer guten Mütze voll Schlaf beginnt der Tag mit etwas Frühstück. Er verarbeitet noch die frisch gesammelten Eindrücke seiner letzten Arbeitsreise. Das „Supermarket“ in Zürich war proppenvoll gewesen, der Besitzer nett, die feierwütige Meute tanzte ausgelassen und happy – ein voller Erfolg! Dass es einer wurde, liegt nicht zuletzt an Andreys fabelhaftem Gespür für gute Musik. Er sammelt Raritäten, noch bevor sie welche sind. Gelernt hat er das in den frühen 2000ern, als er für den russischen Ableger des TraumBaum Vertriebes gearbeitet hat. Damals begann und verfestigte sich seine Sammelleidenschaft für ausgezeichneten Dub Techno, für Deep- und Melodic House, sowie Minimal Techno. Mittlerweile besitzt er mehrere tausend der wertvollen Vinylscheiben.

Auch wenn Pushki, wie seine Fans ihn liebevoll nennen, bereits Ende der 90er Jahre mit dem DJing begann, so gelang ihm der richtige Durchbruch erst 2006, anhand seiner DJ-Mixe bei „DeepMix.ru“. Eine mittlerweile legendäre Internet Radio Plattform. Mit seiner fehlerfreien Mixtechnik und dem musikalischen Know-how befand er sich dort in bester Gesellschaft. Er bildete eine Art Moskauer Bohème im Verbund von Leuten wie Dima, Gorje Hewek oder Izhevski. Sie lieferten erstklassige DJ-Mixe per Web-Stream über den ganzen Globus und erlangten schnell Aufmerksamkeit damit. Die jungen Künstler trafen mit ihrer Musik auf ein Verlangen, das damals gerade erst richtig Fahrt aufnehmen sollte. Die weltweiten Bookings ließen nicht lange auf sich warten.

Die Teetasse ist leer und Andrey wechselt vom luftigen Balkon seines Appartements in das Musikzimmer. Hier gibt es nichts außer Schallplatten. Der Fußboden ist damit buchstäblich bedeckt. Ein Plattenregal? Besitzt der DJ nicht. Die Scheiben stehen in einer eigenen Sortierung auf dem Boden. Fein säuberlich in Reih‘ und Glied. Er scrollt mit den Fingern durch die Platten um die richtige Auswahl für den nächsten Gig zu finden. Vorhören? Muss Andrey nicht. Er kennt sie alle aus dem Effeff. Und so füllt sich sein Rollkoffer nach und nach bis nicht eine einzige Scheibe mehr reinpasst. Wichtig ist ihm dabei, dass alles seine Ordnung hat. 

Ordnung ist es auch, die man in seinem Handwerk als DJ wiederfindet. Begünstigt durch seine perfekten Übergänge von einem Track zum anderen. Er weiß einfach wie er seine Musikstile am besten mixt. Da gibt es kein akrobatisches Scratching, keine sweependen Filterorgien und kein auffälliges EQing. Die stoische Ruhe, die er dadurch gewinnt, überträgt sich in den Fluss/ den Drive/ das Treibenlassen. Es gibt bei seinen Mixen weder Anfang noch Ende. Das Moment allein zählt und ist zudem fein auf die Hörerschaft austariert. Ein paar seiner DJ-Kollegen können das auch und doch hat er dieses Besondere auf seiner Seite. Seinen Entdeckergeist, den er einbringen kann ohne den Faden für das Ganze aus den Augen zu verlieren.

Wer Andrey Pushkarev als DJ bucht weiß das. Er weiß, dass er einen Meister seines Fachs anheuert und wie selten solche DJs doch geworden sind. DJs, die sich ausschließlich mittels Musik definieren und nicht über Instagram-Herzchen. Andrey gehört zu der Gattung Künstler, die den Sound in den Fokus rücken, sich selbst aber als Person ein gutes Stück, fast demütig, dahinter platzieren. Weit weg von den Business-DJs heutzutage, die immer das Bild vermitteln, als müssten sie hinter den Plattenspielern gekünstelt mehr tanzen, als die Leute auf der Tanzfläche. Nur selten zeigt er bei seinen Auftritten eine emotionale Regung und wenn, dann ist es für einen kurzen Moment ein zufriedenes Lächeln. 

Zu den Schallplatten in seinem treuen Rollkoffer packt er nun noch Wechselklamotten, sowie einen Kulturbeutel. Alles findet einen Platz. So wird auch die noch so kleinste Ecke des Koffers taktisch sinnvoll gefüllt. Das Smartphone als Kommunikationsmittelpunkt wandert in seine Jackentasche. Ebenso das Ladegerät dessen und die Brieftasche mit den Tickets für die nächste Reise. Es geht heute gleich wieder auf Tour. Diesmal nach Rumänien… 

Bilder Copyright: mixing.dj, Anatoli Ivanov

Weiterführende Links: andreypushkarev.com, Andrey auf Facebook, Soundcloud, YouTube

attix Verfasst von:

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